Das WIRECARD-Debakel – Was lernen wir daraus?

Die WIRECARD AG ist ein deutsches DAX-Unternehmen und am 18. Juni 2020 ordentlich unter die Räder gekommen. Viele Anleger haben hier große Buchverluste geschrieben. Jedoch hat man auch an Erfahrung gewonnen. Welche Dinge können wir also aus diesem Debakel für unsere künftigen Investments mitnehmen?

Klarstellung

Vorab möchte ich einmal mitteilen, dass ich selber nicht bei WIRECARD investiert bin. Von daher habe ich selber auch keine umfassende Analyse des Unternehmens betrieben und bin auf Quellen angewiesen, wie diese eine ist. Trotzdem kann ich für Learnings mitnehmen, da ich die Nachrichten verfolgt und mich etwas eingelesen habe.

Grobe Erklärung der Lage

WIRECARD ist ein Growth-Unternehmen aus dem DAX. Es bietet elektronischen Zahlungsverkehr an und wickelt dies im Ausland mit Partnern ab. Von dieser Grundlage ausgehend erklärte WIRECARD in ihrer Bilanz, dass Sie 1,9 Milliarden € Treuhandvermögen daraus besitzen. Dieses Vermögen kann jedoch nicht nachgewiesen werden. Eine Sonderprüfung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG bestätigte dies. Nun geschah der große Kursrutsch daraufhin, dass auch der Wirtschaftsprüfer EY, welcher den Jahresabschluss prüfte, den Bestätigungsvermerk verweigerte. Das wiederum ist kritisch, da Banken nun ihre Kredite fällig stellen können und WIRECARD somit in Zahlungsnot geraten könnte oder insolvent geht.

WIRECARD
WIRECARD – kaufen oder nicht kaufen, das ist hier die Frage!

Aktienanalyse als Entscheidungsgrundlage

Warum haben Menschen also diese Aktie gekauft? Die meisten Menschen werden diesem Unternehmen wohl Vertrauen geschenkt haben, da sie an die Digitalisierung als solches glauben und damit auch an den elektronischen Zahlungsweg. Diesbezüglich haben sie sicher auch die Zahlen des Unternehmens analysiert und aufgrund der wachsenden Branche Prognosen über den Umsatz von WIRECARD abgeleitet. Zusätzlich sahen die Zahlen von WIRECARD ja solide aus und zeigten großes Wachstum auf. Wieso lagen also so viele Menschen falsch? Dafür gibt es denke ich zwei große Gründe.

1. Grund: Fundamentalanalyse nicht möglich

Da WIRECARD ein relativ junges Unternehmen ist und in der aktuellen Größenordnung nicht schon über Jahrzehnte verwertbare Daten und Jahresabschlüsse liefern kann, ist es mit Prognosen für die Zukunft natürlich schwierig. Gerade das schnelle Wachstum gestaltet es für Außenstehende oft schwierig Umsätze und Gewinne durch historische Daten zu plausibilisieren. Eine Fundamentalanalyse ist so auf keinen Fall möglich, sondern lediglich eine Bestandsaufnahme und eine wacklige Prognose für die Zukunft. Man muss allerdings auch sagen, dass auch hier natürlich Rendite im Verhältnis zum Risiko steht, was sich nun wieder gezeigt hat. Andersrum hätte es auch sein, dass WIRECARD diesen steilen Kurs weiter fährt und man früh eingestiegen wäre, sodass man enorme Renditen mitnimmt. Dieses kalkulierte Risiko konnte man aber gar nicht auf die Weise eingehen, wie man es wollte, denn es gibt ja noch Grund 2.

2. Grund: Betrug

Zu den riesigen Gewinnen, die man gerne mit dem Erwerb und Verkauf oder dem shorten von WIRECARD machen wollte kam es nicht, denn die Bewertungsgrundlage war gar nicht richtig. Es ist eine Sache, dass man ein junges, schnell wachsendes Unternehmen nicht richtig bewerten kann. Die andere Sache ist, wenn die Zahlen auf Grundlage dessen man seine Investmententscheidung triftt gar nicht stimmen. So war es bei WIRECARD und aktuell sieht es wohl so aus, dass dies auf Betrug zurückzuführen ist. Man weiß nur noch nicht so richtig wer hier wen betrogen hat. WIRECARD beschuldigt nun seine Vertriebspartner. Die Vertriebspartner beschuldigen WIRECARD. Ziemlich sicher ist allerdings, dass die 1,9 Milliarden Treuhandgelder nicht existieren. So ist jede Aktienanalyse natürlich hinfällig.

Hätte man es erahnen können?

Meiner Meinung nach nein. Als Außensteher stützt man sich auf die unabhängig geprüften Jahresabschlüsse der Unternehmen und da waren nun mal diese Treuhandgelder testiert. Hätte EY als Prüfer denn eher den Braten riechen können? Auch hier muss ich sagen, meiner Meinung nach nein, denn eine ausländische Bank hat ja die Treuhandgelder bestätigt. Der ausstellende Mitarbeiter war wohl korrupt und hat sie gefälscht, was man allerdings nicht ahnen konnte. Aus der eigenen Praxis in der Wirtschaftsprüfung weiß ich, dass wenn eine Bankbestätigung kommt, diese auch so hingenommen wird, wenn sie mit der Buchhaltung übereinstimmt. Man kann im Rahmen der Prüfung ja nicht auch noch die zugehörigen Hausbanken prüfen.

Mein Learning

Aus dieser Geschichte lerne ich folgendes. Rendite gibt es nur gegen Risiko. Die Renditeaussichten bei WIRECARD waren Wahnsinn, wie auch scheinbar das Risiko. Allerdings konnte man es vorher wirklich nicht wissen. Genau so einen Kursanstieg legten ja bereits auch andere Unternehmen zurück, sodass man allein deswegen nicht skeptisch sein musste. Sprich, auch Investoren, die alles richtig gemacht haben, sind nun auf die Nase gefallen. Man konnte dem also nicht wirklich entgehen. Was soll man also machen?

Diversifikation

Ich nehme aus der Geschichte für mich auf jeden Fall wieder die Bestätigung mit, dass man nicht alles in der Hand hat und die Zukunft nicht vorhersehen kann. Auch, wenn man alles richtig macht und ein super Investor ist, kann es unverschuldet schief gehen. Das einzige was dann hilft ist Diversifikation. Nur die Verteilung des Risikos und damit Senkung des Risikos auf das Marktrisiko scheint eine sichere Sache. Und auch hier können noch Dinge kommen wie die Coronakrise, die wirklich alle trifft. Aber selbst dann hat man vielleicht noch ein Unternehmen im Korb, welches zu den Krisengewinnern gehörte.

In diesem Sinne nehmt euer eigenes Learning aus der Geschichte mit, ob ihr investiert gewesen seid oder nicht. Jeder der investiert war sollte nicht zu sehr geknickt sein, so bleibt die Lektion nachhaltiger hängen und vielleicht verhilft euch diese Erfahrung künftig zu sensationellen Investmententscheidungen.

Bis bald!

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Eine Antwort auf „Das WIRECARD-Debakel – Was lernen wir daraus?“

  1. Danke für deine Analyse. Du hast recht. Rendite korreliert immer mit Risiko. Im Fall von Wirecard ein herber Verlust für die Investoren aber auch für die circa 5000 Mitarbeiter. Ich bin gespannt was jetzt kommt und wie man gegen das Management juristisch vorgehen wird.
    Nichtsdestotrotz bleibt ein Investment in Aktien eine gute Entscheidung.

    Viele Grüße aus München
    Georg von passiv-verdienen.de

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